Tournaments

"Ich bin überzeugt, dass wir Frauen alles errreichen können"

PV Sindhu ist weit mehr als eine Badmintonspielerin. Die 28-Jährige ist nicht nur in ihrer Heimat Indien eine Ikone mit mehr als 10 Millionen Followern in den Sozialen Medien und gilt als eine der einflussreichsten Sportlerinnen überhaupt weltweit. Die Yonex Swiss Open haben sie nach ihrem Startsieg zum exklusiven Gespräch getroffen. Geführt hat das Gespräch Marco Keller, Leiter Kommunikation von Swiss Badminton.

PV Sindhu, willkommen zurück in Basel.


Vielen Dank.

Sie sind mit einem Zweisatzsieg ins Yonex Swiss Open 2024 gestartet. Ist das ein perfekter Start?

Ich bin glücklich über meinen Sieg, dass ich in zwei Sätzen gewinnen konnte und dass es ein komfortabler Sieg war.  Ich bin sehr happy, wieder in Basel zu sein. Ich bin oft nach Basel gekommen und ich habe tolle Erinnerungen. Hier habe ich das Swiss Open gewonnen und auch die WM in dieser Halle. Es ist immer ganz besonders für mich. Und ich hoffe, dass ich auch in diesem Turnier mein Bestes geben kann.

 

Sie haben die Erinnerungen an den WM-Titel 2019 angesprochen. Was ist von jenen Tagen bei Ihnen noch präsent?

Es ist ein unvergesslicher Moment. Diese WM-Goldmedaille was etwas ganz Besonderes und sehr viele Fans haben mich unterstützt. Dafür bin ich sehr dankbar. Auch heute habe ich viele Fans gesehen, die mich angefeuert haben und das ist sehr nett. Ich habe auch heute viele Inder gesehen, sie kommen jedes Jahr wieder. Wenn ich auf 2019 zurückschaue, waren das wunderbare Momente und Basel ist immer eine tolle  Stadt. Die Leute sind wirklich süss. Ich konnte nicht an viele verschiedene Orte gehen und herumspazieren. Aber das Essen ist wirklich gut. Es war mehr Essen und dann zurück ins Hotel. Natürlich bin ich aber an den Rhein gegangen, es ist ein sehr schöner Fluss.

 

Sie sind ohnehin gerne in der Schweiz. 2011 haben Sie ein kleineres Turnier in der Nähe von Bern gewonnen, in Belp. Sie gehen auch gerne in die Berge. Was denken Sie generell über die Schweiz?

Die Schokolade ist wunderbar (lacht). Daneben gefallen mir aber auch die Berge, die Alpen, es ist wirklich schön.  Es ist eines meiner Lieblingsländer und ich werde auf alle Fälle hier auch in der Zukunft zurückkehren, einfach als Touristin, um verschiedene Orte zu besuchen. Es ist sehr, sehr schön. Ich mag auch das Wetter, obwohl es kalt ist. Es hat schöne Häuser, auf dem Weg vom Hotel in die Halle sehe ich die immer.  Wenn ich in die Schweiz komme, gefällt es mir immer sehr gut.

Ich kann mir vorstellen, dass Sie hier im Vergleich zur Heimat auch fast unerkannt herumspazieren können. Wie ist es, in Indien PV Sindhu zu sein?

In Indien erkennen mich natürlich viele Leute, es gibt kein Privatleben. Aber auch hier kann ich zwar für einen Kaffee herausgehen, aber es gibt trotzdem einige Leute, die herausfinden, dass ich PV Sindhu bin. Sie wollen dann auch ein Foto machen, aber nicht so häufig wie in Indien. Ich finde es aber nett, wenn mich die Leute erkennen und Fotos machen wollen oder Autogramme. Natürlich, es ist ein anderes Leben, es gefällt mir aber. Hier kann ich ein wenig  herumlaufen und das ist auch gut.


Sie sind in Indien extrem beliebt und das ist schön. Kann es manchmal aber auch stressen?

In Indien gehe ich nicht viel aus, es ist mehr Training, dann wieder nach Hause, essen, wieder Training. Ich habe nicht viel Zeit, auszugehen und Zeit mit meinen Freunden zu verbringen. Wenn ich aber in andere Länder gehe, konzentriere ich mich sehr stark auf die Turnieraktivitäten und ich habe kaum Zeit für Sightseeing. Es fehlt mir nichts, es ist auch nicht stressig. Es ist okay. Ich mag es sehr, nicht alle Leute haben ein solches Leben. Manchmal ist es auch wirklich schön, wenn einen die Leute erkennen.  Es kann auch ein wenig schwierig sein, wenn man kein Privatleben hat, aber ich mag es, so, wie es ist. Und ich bin sehr glücklich.

In «Cosmopolitan India» sind Sie gerade porträtiert worden. Einige Worte, die mit Ihnen assoziiert werden: unstoppbar, ikonisch,bahnbrechend. Was denken Sie, wenn Sie solche Komplimente lesen?

Es ist sehr nett und gibt mir Vertrauen. Die Motivation, dass Leute auf mich schauen und denken, ich sei unstoppbar, motivierend oder ikonisch. Es fühlt sich wirklich gut an und gibt mir jenes Selbstvertrauen, das kann mich in grössere Höhen führt und es ist immer nett, solche Worte zu hören.  Die Leute denken etwas über mich und ich erfahre, was es ist. Nicht alle Leute werden es mir direkt sagen, aber einige schon: Und wenn sie sagen, ich arbeite hart oder ich sei unstoppbar, dann gibt mir das die Überzeugung, dass ich noch viel mehr machen kann. Sie zeigen mir viel Liebe und viel Unterstützung, in Indien, aber auch überall. Die Unterstützung, die ich erfahre, ist grossartig – wo ich auch immer hinkomme. Und ich bin jeder einzelnen Person dankbar.

Sie inspirieren auch viele Frauen und jungen Mädchen. Das hat man hier in Basel auch am schulfreien Mittwochnachmittag gesehen. Das ist sicher sehr inspirierend für Sie, ein solches Vorbild zu sein.

Ja, ich habe hier viele junge Kinder gesehen. Sie haben auf jeden einzelnen Spieler und jede Spielerin gewartet nach ihren Spielen. Sie wollen Fotos und Autogramme und das ist sehr nett und für sie ja auch eine spezielle Chance, die Top-Spieler zu sehen. Sie erhalten dadurch auch Motivation und das ist sehr gut für die Youngsters. Es ist schön für sie, hier auf die Spieler zuzugehen und ihre Spiele anzuschauen, so lernen sie viel mehr. Wenn man diesen Spielern zuschaut, gibt es ihnen diese Glückseligkeit  und Vertrauen, so nach dem Motto: Wenn sie es geschafft hat, wieso sollte ich es nicht auch schaffen?  Es ist sehr schön, dass viele Youngsters kommen, ihr Interesse zeigen und jedes einzelne Spiel anschauen. Diese Art von Glückseligkeit ist ganz anders.

Es ist immer noch ein weiter Weg bis zur Gleichheit der Geschlechter. Personen wie Sie helfen aber, die Unterschiede zu verringern. Ist das für Sie auch eine Mission?  

Im Badminton habe ich keine grosse Ungleichheit zwischen den Geschlechtern gesehen und Herren und Damen wurden immer gleich behandelt. Das ist sehr gut und gilt für Badminton. Generell gibt es ja viele Diskussionen über unterschiedliche Preisgelder, aber im Badminton ist es für beide Geschlechter gleich. Männer und Frauen haben ihre eigenen Wettkämpfe, und es ist für alle hart, nach oben zu kommen. Frauen müssen nicht mehr im Hintergrund sein, wir sind im 21. Jahrhundert und viele Frauen sind sehr erfolgreich. In Indien haben wir viele Frauen, die nach oben kommen und in ihren Karrieren grossen Erfolg haben. Und ich glaube, das gilt für alle Länder: Es gibt so viele wunderbare und inspirierende Frauen wie zum Beispiel auch Serena Williams. Oder ganz viele andere. Wir müssen einfach nach vorne treten und wir müssen diese Willenskraft haben, um alles zu erreichen.  Ich bin überzeugt, dass wir alles erreichen können.

Gehen wir zurück zum Sport.  Hier haben Sie schon fast alles erreicht. Sie haben eine Olympia-Silbermedaille, eine Olympia-Bronzemedaille – da fehlt ja nur noch eine. Mit welchen Zielen reisen Sie an die Spiele nach Paris?

(lacht):  Paris wird sicher anders. Ich muss smarter sein, ich bin ja dank zwei Olympischen Spielen schon sehr erfahren. Alle werden sicher ein Auge auf mich werfen, es ist wichtig, dass ich meine Hausaufgaben mache, zuhause in Indien oder wo auch immer ich bin. Wie gesagt, ich muss smarter sein und natürlich muss ich sehr hart arbeiten, denn die Konkurrenz wird sehr stark sein. Die Frauentour ist sehr ausgeglichen, auf den Plätzen 1 bis 10 der Weltrangliste sind alle gleich gut. Ich muss jedes Mal bei einhundert Prozent sein. Ich muss mental und körperlich wirklich zu hundert Prozent fit sein für Olympia. Jeder einzelne Tag ist entscheidend und ich muss immer gut spielen. Ich kann nicht einfach gegen die Besten gut sein und es gegen die schlechter klassierten Spielerinnen locker nehmen, denn bei Olympia werden alle in Bestform antreten.

Sie sind immer noch jung, aber schon Ihr halbes Leben Badmintonprofi. Was ist das Geheimnis, dass Sie so lange an der Spitze bleiben konnten?

Ich glaube, das liegt vor allem an meiner Leidenschaft für den Sport. Ich habe mit achteinhalb begonnen, Badminton zu spielen und ich mache das, weil ich diesen Sport liebe.  Verletzungen sind ein Teil des Lebens, aber wenn man diese Liebe für den Sport hat, wird man alles machen, was nötig ist, um zurückzukommen. Harte Arbeit, Opfer, Hingabe, Konzentration, Disziplin – das gehört alles dazu. Dass ich all diese Jahre dabei bin, liegt an der Leidenschaft und am Interesse für den Sport – ich will noch viel mehr erreichen. Ich denke, das ist erst der Anfang und dass Vieles noch kommt. Ich denke, ich habe noch viele Jahre vor mir.  Manchmal ist es ermüdend, aber das ist okay. Man kann freie Tage nehmen, man kann Pausen nehmen, aber ich denke, wenn man mental und körperlich fit ist, dass man Spass hat am Sport. Man sollte nicht später zurückschauen müssen im Leben und denken, dass man nicht alles herausgeholt hat. Was man auch immer machen will, sollte man machen. Und das Wichtigste ist, dass man dabei Spass hat und das mache ich Und ich liebe es.


Auch Ihre Fans hören das gerne. Heisst das, dass nach Paris auch schon Los Angeles 2028 in ihrem Hinterkopf ist?

Ja, ich werde auf alle Fälle spielen. Wenn ich fit bin, wieso nicht? Wenn ich gut spiele, fit bin und verletzungsfrei und wirklich Spass habe, dann werde ich sicher über 2024 hinaus spielen.

Letzte Frage. Wenn Sie unterwegs sind: Was vermissen Sie von zuhause am meisten – neben Rio?

(lacht laut): Ja, natürlich vermisse ich meinen Hund. Daneben vermisse ich das Essen meiner Mutter, sie kocht wirklich gut. Ich wohne in Hyderabad, jetzt bin ich zu Trainingszwecken mehr in Bangalore, aber ja, ich vermisse das Essen meiner Mutter. Gewisse Opfer braucht es halt. Ich werde das später nachholen und voll geniessen.

 

PV Sindhu bestreitet ihre Achtelfinal-Partie gegen Tomoka Miyazaki (JPN) um ca. 19 Uhr.   

« Zurück